Am 11. Oktober 2015 fanden in Weißrussland Präsidentschaftswahlen statt. In diesem Blog berichtete das Büro Belarus der Konrad-Adenauer-Stiftung über die Hintergründe und Entwicklungen. Die Beiträge sind auf dieser Seite archiviert. Für jüngere Kommentierungen folgen Sie uns bitte auf Twitter oder Facebook.


Freitag, 10. April 2015

David Pollick wird neuer Rektor der weißrussischen Exil-Universität EHU in Vilnius

Eine der prominentesten weißrussischen Exilinstitutionen im Bildungsbereich ist die Europäische Geisteswissenschaftliche Universität (European Humanities University, EHU) mit Sitz in Vilnius. Gegenwärtig nutzen hier fast 1.500 vornehmlich weißrussische Studierende die Gelegenheit für ein Studium unter freiheitlichen Bedingungen. Nach langer Suche wird nun der Rektorposten der EHU neu besetzt. Am 10. April 2015 wurde offiziell bekannt gegeben, dass der 67-jährige US-Amerikaner G. David Pollick neuer Rektor der EHU wird und damit die operative Leitung der Universität übernehmen soll. Pollick hatte diesen Posten ad Interim bereits seit März 2014 inne, jedoch im Auswahlprozess hochkarätige Konkurrenz bekommen.

Zu Pollicks stärksten Mitbewerbern gehörte unter anderem Alexander Milinkewitsch, Oppositionskandidat mehrerer Parteien und Unterstützergruppen bei den Präsidentenwahlen in Belarus im Jahr 2006, sowie Tatjana Schitsowa, Dekanin an der Philosophischen Fakultät der EHU. Mitbewerber Alexander Milinkewitsch hatte sich zuletzt kritisch über den Auswahlprozess in den Medien geäußert und forderte eine Wiederholung der Ausschreibung.

Aufgabe des neuen Rektors wird es zunächst vor allem sein, das Außenbild der EHU zu verbessern. Mehrere Medienberichte über interne Querelen, ein beständiges Verschieben von Fristen und ein damit verbundener Richtungsstreit zwischen einer pro-Belarussischen Ausrichtung und einer internationalen Ausrichtung der EHU hatten den Bestellungsprozess begleitet. Ein in diesem Umfeld medial geführter Schlagabtausch und ein offener Brief von 40 weißrussischen Intellektuellen zeigen dabei die kommunikativen Herausforderungen der EHU auf.

Tritt Belarus dem Europäischen Hochschulraum bei?

Als eine der wichtigsten Herausforderung gilt aktuell auch die Frage nach der weiteren Attraktivität der EHU für weißrussische Studierende. Gegenwärtig ist die EHU bei jungen Weißrussen vor allem deshalb beliebt, als diese hier das in Belarus so nicht angebotene Europäische Recht studieren, unter deutlich freieren Bedingungen als in Belarus leben und studieren und zu vergleichsweise geringen Kosten einen Bachelor- und Masterabschluss erwerben können, der in Europa anerkannt ist. Die entsprechende Akkreditierung der EHU und die schnelle Erreichbarkeit der EHU in Vilnius aus Belarus sind hierfür wichtige Rahmenbedingungen. Insgesamt nimmt die EHU auch deshalb eine echte Brückenfunktion wahr, da sie als eine von wenigen Einrichtungen eine europäische Ausbildung in der in Belarus am weitesten verbreiteten Sprache - Russisch - ermöglicht.

In Kürze jedoch kann sich dies bereits ändern, da Belarus beabsichtigt, am Bologna-Prozess teilzunehmen. Bislang das einzige nicht am Bologna-Prozess teilnehmende Land wird ihm dieses Ansinnen durch die zuständigen Gremien zwar bisher noch verwehrt. Minsk hat jedoch bereits alle Universitäten des Landes vollständig auf Bachelor- und Masterstudien umgestellt und es erscheint möglich, dass Belarus die Teilnahme trotz fehlender Gewährleistung akademischer Freiheiten nicht länger verwehrt wird. Tritt dies ein, verliert die EHU das wichtige Alleinstellungsmerkmal als weißrussische Universität, anerkannte europäische Abschlüsse anzubieten. Es dürfte nicht überraschen, wenn sich junge Weißrussen unter dieser veränderten Lage verstärkt für ein Studium an einer belarussischen Hochschule entscheiden. Bewerberzahlen könnten sinken und die Brückenfunktion der EHU abnehmen.

Als künftiger Chefmanager muss der neue Rektor weiterhin die Frage der grundsätzlichen Ausrichtung der EHU beantworten. Die bisherige pro-belarussische Orientierung wurde in den letzten Monaten geschwächt: Im Statut der Universität wurden an mehreren Stellen die speziellen Bezüge auf Belarus gestrichen. Vom neuen Rektor werden dahingehend insbesondere seitens der Förderer Positionierungen erwartet.

Forschung, Lehre, Sprache

Große Herausforderungen warten für Pollick auch im Bereich von Forschung und Lehre. Bislang ist es der EHU noch nicht gelungen, sich in größerem Umfange auch an Forschungsprojekten im Rahmen von Horizon2020 zu beteiligen und hierdurch zusätzliche Einnahmen zu generieren, die die brisante und im Wesentlichen auf Zuwendungen basierende Finanzlage beruhigen könnten. Auch die Übernahme von Forschungsaufträgen im Bereich Belarus- und Regionalstudien könnte zu einer Diversifizierung der Einkommen beitragen. Die Erfolge sind hier jedoch dürftig: In vielen Forschungsbereichen und Projekten zu Belarus tritt die EHU kaum in Erscheinung. Gerade der Bereich des Strategischen Managements der Universität wurde jüngst durch eine litauische Ratingagentur bemängelt. Statt sich als interdisziplinärer (Exzellenz-) Cluster zu Belarus zu positionieren – hierfür gäbe es angesichts fehlender Angebote durchaus Raum – wurden Kapazitäten im Programm „Belarusian Studies“ abgebaut.

Für den Bereich der Belarus-Expertise überlässt die EHU damit das Feld Think-Tanks, Initiativen sowie Vereinen und vergibt hierdurch auch Einnahmequellen und Chancen auf stärkere Einflussnahme auf die Entwicklung in Belarus. Auch hinsichtlich der in Belarus marginalisierten Weißrussischen Sprache trägt die EHU in ihren Forschungen und Publikationen kaum etwas bei: Mit großem Abstand ist Russisch die verbreitete Publikationssprache der EHU, nicht Weißrussisch und auch nicht Englisch.